Karel
Lambert und Gordon
G. Brittan: Aus dem Buch Eine Einführung in die Wissenschaftsphilosophie.
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Joachim Schulte. Walter de Gruyter,
Berlin und New York 1991, S.164-176:
Die historistische Theorienauffassung
Auffassungen, die von der klassischen abweichen, lehnen eine scharfe Unterscheidung zwischen theoretischen und beobachtungsbezogenen Termini und das Schicht-Kuchen-Bild des wissenschaftlichen Wandels im großen und ganzen ab. Die erste Alternative zur klassischen Ansicht - die historistische Theorienauffassung - beruht auf einer genauen Untersuchung der Wissenschaftsgeschichte.
Aus der historischen Untersuchung der Wissenschaft ergeben sich zwei grundverschiedene Konsequenzen, die zum einen mit dem substantiellen Inhalt der Wissenschaftsgeschichte zusammenhängen, zum anderen eher mit ihrer Methodologie. Die inhaltliche Konsequenz ist folgende: Eine sorgfältige Untersuchung der Wissenschaftsgeschichte zeigt, daß es im Lauf ihrer Entwicklung eine Vielzahl begrifflicher Revolutionen gegeben hat, und dieser Umstand ist schwer mit der von der klassischen Auffassung vertretenen - aus der Schicht-Kuchen-Analyse folgenden - These zu vereinbaren, wonach die Geschichte der Wissenschaft nichts anderes ist als die Geschichte der allmählichen Akkumulation tiefer reichender und präziserer Informationen über die Welt und uns selbst. Denken wir, um ein bekanntes Beispiel zu wählen, an den Übergang von der aristotelischen zur galileischen Physik. In welchen Schicht-Kuchen lassen sich beide physikalischen Theorien einfügen? Offenbar in keinen, denn Galileos Theorie ist nicht nur keine Erweiterung der aristotelischen, sondern ist sogar nicht einmal konsistent mit dieser. Galileo verwirft die von Aristoteles für fundamental erklärte Überzeugung des gesunden Menschenverstands, wonach eine reine Kraft einen Gegenstand sowohl bewegen als auch in Bewegung halten soll. Dieser begriffliche Unterschied ist so grundlegend, daß er die meisten Vergleiche der beiden Theorien zunichte macht, ganz bestimmt aber das Bild, wonach sie als aufeinanderfolgende Stufen beim Aufbau eines "Schicht-Kuchens" der Wandlungen erscheinen. Die altmodische Geschichtsschreibung hat den gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Wandel oft in der gleichen Weise dargestellt, nämlich so, als vollzöge er sich über "logisch verbundene" Stufen hin zu einem "fortgeschritteneren" Zustand oder Ziel. Diese Darstellung, die man im Hinblick auf die aufgezählten Bereiche längst ausrangiert hat, ist mit Bezug auf den wissenschaftlichen Wandel offenbar nicht vernünftiger. Die Geschichte der Wissenschaft verhält sich wie jede andere Art von Geschichte; sie ist kein Beispiel einer linearen Entwicklung.
Die methodologische Konsequenz steht in Zusammenhang mit dem "anthropologischen" Zugang zur Wissenschaftsgeschichte. Will man die Geschichte als Geschichte untersuchen, heißt es, dürfe man nicht die Gegenwart in die Vergangenheit hineinlesen, sondern man müsse die Vergangenheit so wiedererschaffen, wie sie sich selbst verstand. Daraus ergibt sich, daß wissenschaftsgeschichtliche Begebenheiten nur "von innen heraus", im Rahmen des "Entdeckungskontexts" und vom Standpunkt der Beteiligten begriffen werden können. Daher werden die Vertreter des anthropologischen Ansatzes manchmal als "Subjektivisten" bezeichnet. Sie streichen die subjektive Bedeutung wissenschaftlicher Theorien heraus, also die Bedeutung, welche die Theorie für ihre Urheber und Verfechter hat. Dies steht im Gegensatz zur klassischen Auffassung, die die objektive Bedeutung der Theorien betont, welche durch Vermittlung von Korrespondenzregeln jedem zugänglich sei, gleichviel, ob er die betreffende Theorie vertritt oder die ihr zugrundeliegenden Absichten versteht.
Um die historistische Auffassung weiter zu verdeutlichen, werden wir uns vor allem an die Arbeiten von Thomas Kuhn halten, dessen Buch über die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen die einflußreichste Darstellung dieser Auffassung ist. Kuhns Theorienauffassung wurzelt zwar in einer Konzeption der wissenschaftsgeschichtlichen Entwicklung durch Revolutionen und in einer anthropologischen Methodologie, doch zugleich betont er die Wichtigkeit der Tradition und der Stabilität wissenschaftlicher Gemeinschaften. Die Wissenschaft ist seiner Ansicht nach nicht nur von den Einsichten individueller Forscher abhängig, sondern auch von der Existenz von Gemeinschaften, die durch gemeinsame begriffe, Voraussetzungen und Methoden miteinander verbunden sind. Jeglicher wissenschaftshistorische Fortschritt findet im Rahmen solcher Gemeinschaften statt, also in der Forschungstradition der von Kuhn so genannten "normalen Wissenschaft".
Neben dem Begriff der normalen Wissenschaft verwendet Kuhn drei weitere Schlüsselbegriffe, und zwar Revolution, Paradigma und Anomalie. Eine knappe Erörterung jedes dieser Begriffe wird die Umrisse von Kuhns Standpunkt deutlicher machen.
Dem von der klassischen Auffassung betonten evolutionären Charakter des wissenschaftlichen Wandels stellt Kuhn das Revolutionäre dieses Wandels gegenüber. Der revolutionäre Wandel fordert "von der Gemeinschaft, eine altehrwürdige wissenschaftliche Theorie zugunsten einer anderen, nicht mit ihr zu vereinbarenden, zurückzuweisen". Außerdem lenkt die in dem Wort "revolutionär" enthaltene politische Analogie die Aufmerksamkeit auf die verschiedenen Stadien der revolutionären Entwicklung. Nach Kuhn ist die Wissenschaft wesentlich eine soziale, wenn nicht überdies eine politische Tätigkeit, die man sich mit gesellschaftsbezogenen Begriffen und in einem sozialen Kontext verständlich machen müsse. Eine solche Tätigkeit ist größtenteils konservativ; Revolutionen brechen erst dann aus, wenn es nicht mehr möglich ist, die Vertreter abweichender Meinungen zu unterdrücken. Mit anderen Worten, Revolutionen kommen nur selten vor.
Die Kennzeichnung der "normalen Wissenschaft" ist großenteils soziologisch. Unter diesem Begriff ist, wie Kuhn schreibt, eine Forschung zu verstehen, "die fest auf einer oder mehreren wissenschaftlichen Leistungen der Vergangenheit beruht, Leistungen, die von einer bestimmten wissenschaftlichen Gemeinschaft eine Zeitlang als Grundlagen für ihre weitere Arbeit anerkannt werden". Sie ist halt das, was die meisten Wissenschaftler meistens tun. Kuhn läßt einen großen Teil der klassischen Auffassung gelten, wenn dieser auf eine bestimmte Tradition der normalen Wissenschaft relativiert wird. Innerhalb einer solchen Tradition kann man, in etwa der Beschreibung der klassischen Auffassung entsprechend, die typischen Phasen der Beobachtung, der Hypothesenbildung, der Prognose und der Verifikation ausmachen. Was der klassischen Auffassung nicht gelingt, ist eine Beschreibung oder Erklärung des Anormalen, also jener krassen Wechsel des Standpunkts, die eine Revolution ausmachen. Von derartigen Wechseln abgesehen, besteht die wissenschaftliche Arbeit zumeist darin, daß in einem überaus begrenzten Bereich möglicher und verbürgter Lösungen Theorien ausformuliert und Probleme gelöst werden.
Schwieriger ist der Begriff des Paradigmas. Diesen Begriff kennzeichnet Kuhn in verschiedenen Weisen, doch bei keiner dieser Kennzeichnungen ist genau klar, welches die Beziehung zwischen "Paradigma" und "normaler Wissenschaft" ist, außer daß sich die Traditionen der normalen Wissenschaft innerhalb bestimmter Paradigmen entwickeln. Der Begriff des Paradigmas ist wichtig, denn wenn man wüßte, wie Paradigmen zu charakterisieren sind, könnte man unter einer Revolution schlicht den Wechsel von einem Paradigma zum nächsten verstehen.
Es wäre möglich, ein Paradigma als theoretischen Rahmen aufzufassen, sofern der Begriff "theoretischer Rahmen" so erweitert wird, daß darunter auch ausgewählte Probleme, Verfahrensweisen und Methoden, Instrumentarien usw. fallen sowie die Hypothesen oder theoretischen Grundsätze, die man üblicherweise mit einem solchen Rahmen in Verbindung bringt. Aber auch der solchermaßen erweiterte Begriff des theoretischen Rahmens gestattet es nicht, zwei der zentralen Thesen Kuhns auf einleuchtende Weise präzise oder plausibel zu fassen, nämlich die These, wonach Tatsachen durch Paradigmen bestimmt werden, und die These der Inkommensurabilität der Paradigmen. Aufschlußreicher ist es, wenn man die Paradigmen als Sprachen deutet.
Die These, wonach die Tatsachen durch Paradigmen bestimmt werden, kann man in wenigstens zweierlei Weise verstehen: Nach der "schwachen" Interpretation begrenzen die Paradigmen den Bereich der angemessenen Tatsachen; sie bestimmen, welche Art von Belegen für eine Theorie relevant ist und welche Klassen von Fällen durch sie erklärt werden sollen. Dies könnte der Vertreter der klassischen Theorie jedoch gelten lassen und weiterhin behaupten, es gebe eine scharfe Unterscheidung zwischen Beobachtung und Theorie. Die "starke" Interpretation dagegen besagt, durch die Paradigmen werde nicht bestimmt, welche Tatsachen angemessen sind (worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten sollten), sondern welches eigentlich die Tatsachen sind. Danach gibt es ohne Theorien gar keine Tatsachen oder, um eine manchmal gebrauchte Formulierung zu verwenden: Alle Tatsachen sind theoriebeladen. Durch den Hinweis, Paradigmen seien Sprachen, läßt sich die starke Behauptung wie folgt erläutern: Eine Tatsache ist ein Sachverhalt, der in bestimmter Weise beschrieben wird. Doch daraus scheint zu folgen, daß Tatsachen deshalb durch Paradigmen bestimmt werden, weil es von der zur Beschreibung verwendeten Sprache abhängt, welches die Tatsachen sind. Zwei getrennte Beschreibungen, zwei Tatsachen - mit anderen Worten, ein und dieselbe Tatsache läßt sich nicht durch zwei bedeutungsmäßig verschiedene Beschreibungen wiedergeben. Tatsachen werden insofern von Paradigmen bestimmt, als es von den verfügbaren Sprachmitteln abhängt, welches die Tatsachen sind.
Noch größere Probleme ergeben sich bei der Interpretation der These, die Paradigmen seien inkommensurabel, und alle diese Probleme hängen mit der Vagheit des Ausdrucks "inkommensurabel" zusammen. Darunter kann nicht bloß zu verstehen sein, daß verschiedene Paradigmen zu verschiedenen Prognosen führen, denn dann könnte man sie paarweise mit den Beobachtungsfakten konfrontieren und Experimenta crucis ausführen. Kuhn will jedoch bestreiten, daß sie sich in dieser Weise vergleichen lassen. Plausibler ist da die Deutung, zwei als Sprachen aufgefaßte Paradigmen seien dann "inkommensurabel", wenn es keine Übersetzung der einen Sprache in die andere gebe.
Eine Argumentation für die Inkommensurabilitätsthese läßt sich im Sinne des vorhin angedeuteten anthropologischen Ansatzes darlegen: Ein Anthropologe trifft auf einen Stamm, der eine ihm völlig unbekannte Sprache spricht. Nun versucht er, die von den Eingeborenen geäußerten Laute zu Gegenständen in seiner Umgebung in Bezug zu setzen. Da das Wort "gavagai" z. B. ausschließlich bei solchen Gelegenheiten vorgebracht wird, bei denen ein Kaninchen zugegen ist, setzt der Anthropologe das Wort "gavagai" zu dem deutschen Wort "Kaninchen" in Beziehung. Auf diese Weise stellt der Anthropologe auf der Grundlage solcher Verknüpfungen induktiv ein Übersetzungsmanual zusammen. Doch selbst wenn dieses Übersetzungsmanual vorliegt, wird die Beziehung zwischen den beiden Sprachen insofern unbestimmt bleiben, als die beiden Sprachen zwar empirisch äquivalent sind (d.h. der Eingeborene äußert bestimmte Laute immer und ausschließlich dann, wenn der Anthropologe bestimmte deutsche Wörter verwendet), dennoch aber die Möglichkeit besteht, daß der Anthropologe die Äußerungen des Eingeborenen falsch übersetzt hat. Um es allgemeiner und in der Terminologie der klassischen Theorienauffassung zu formulieren: Die Gesamtheit aller Beobachtungssätze läßt die theoretischen Sätze unterbestimmt; zwei Theorien können selbst dann auseinandergehen, wenn ihnen die gleichen Beobachtungssätze gemeinsam sind. Es könnte sein, daß man "gavagai" mit "Kaninchen" wiedergibt, während sich das Wort in Wirklichkeit auf einen Kaninchenteil bezieht.
Nun wollen wir uns vorstellen, das galileische und das aristotelische Paradigma seien zwei Sprachen. Die Sprecher der einen brauchen die Sprecher der anderen Sprache nicht zu verstehen, obwohl sie immer und ausschließlich bei den gleichen Gelegenheiten die gleichen Wörter "Pendel" und "fallender Stein" (bzw. "zur Erde strebender Körper") verwenden. Denn wenn man etwas ein Pendel nennt, läuft das nicht einfach auf das gleiche hinaus wie die Beschreibung eines fallenden Steins in einem anderen Vokabular, sondern dabei wird zugleich eine Vielzahl theoretischer Festlegungen vorausgesetzt und folglich ein Paradigma ins Spiel gebracht. Ferner hebt Kuhn hervor, daß das, was wir beobachten, nie schlicht gegeben ist, sondern stets von Erwartungen und früheren Erfahrungen abhängt. Es gibt keine wichtige Bedeutung des Wortes "beobachten", in der die Menschen, die sich verschiedener Paradigmen bedienen, dasselbe beobachten. Es gibt keinen gemeinsamen Erfahrungshintergrund, vor dem Theorien miteinander verglichen werden könnten. Da es keine Möglichkeit gibt, die Angemessenheit der Übersetzung von einem Paradigma ins andere auf der Basis von Erfahrungen zu gewährleisten, und da das Faktum, daß das Gesehene das Gesuchte ist, großenteils von den Paradigmen abhängt, mit denen wir umgehen, finden wir weder in der Sprache der Paradigmen noch in der Beobachtungserfahrung, auf die sich die Termini der betreffenden Sprache beziehen, eine gemeinsame Grundlage, und dieser doppelte Fehlschlag impliziert, daß Theorien inkommensurabel oder nicht miteinander vergleichbar sind. Wir sind nicht imstande, Theorien in Theorien oder Fakten in Fakten zu übersetzen.
Wenn es nicht möglich ist, Paradigmen unmittelbar miteinander oder mit vortheoretischen bzw. theorieneutralen Beobachtungen zu vergleichen, fragt es sich, wie es je dazu kommt, daß ein Paradigma ein anderes verdrängt, und welche Rolle die Experimente dabei spielen. Um die erste dieser Fragen zu beantworten, bringt Kuhn den Schlüsselbegriff der Anomalie ins Spiel. Anomalien sind Mengen von Daten, die von den herrschenden Paradigmen nur unter Schwierigkeiten eingeordnet werden können. Freilich gibt es immer behelfsweise Verfahren, auch diese Daten unter Dach und Fach zu bringen, indem man sie wegerklärt oder indem man sich die eine oder andere ad-hoc-Hypothese zu eigen macht. Mitunter führt diese Taktik zum Erfolg. Bei anderen Gelegenheiten gelingt das nicht, sondern das Paradigma wird durch ad-hoc-Hypothesen und Versuche, die andernfalls widerstreitenden Beobachtungen wegzuerklären, so übermäßig belastet, daß es allmählich durch sein eigenes Gewicht zum Sinken gebracht wird, und die Wissenschaftler beginnen, sich nach neuen und einfacheren Paradigmen umzusehen.
Kuhn bietet eine recht ausführliche Erörterung der Rolle und des Zwecks der Experimente. Danach spielen Experimente drei verschiedene Arten von Rollen. Erstens werden Experimente ausgeführt, um zentrale paradigmatische Konstanten genauer zu bestimmen, z.B. die Punkte, an denen gewisse Lösungen zu kochen oder sauer zu werden beginnen, die Lichtgeschwindigkeit usw. Zweitens, schreibt Kuhn, gibt es eine weniger umfangreiche Klasse von Feststellungen, die sich auf diejenigen Tatsachen beziehen, die zwar häufig von sich aus nur wenig Interesse erregen, dafür aber unmittelbar mit Prognosen verglichen werden können, die der paradigmatischen Theorie entstammen. Nach klassischer Auffassung ist dies natürlich die wichtigste Rolle der Experimente, während Kuhn ihre Bedeutung herunterspielt. Solche Experimente liefern nur selten, wenn überhaupt je einen Test einer Theorie, was unter anderem daran liegt, daß die paradigmatische Theorie ihrerseits unweigerlich in den Entwurf des Experimentierverfahrens hineinspielt. Die Theorie stellt sich also nur selbst auf die "Probe". Drittens gibt es eine überaus wichtige Klasse von Experimenten, bei denen versucht wird, das Paradigma zu artikulieren, d.h. Probleme zu lösen, die seine Anwendung oder Erweiterung betreffen. Aber auch hier setzt die Ausformulierung eines Paradigmas mit Hilfe solcher Experimente das Paradigma voraus, ohne es wirklich zu testen.
Theorien oder Paradigmen sind, wie Kuhn es ausdrückt, "Weisen, die Welt zu sehen". Da sie wechselseitig inkommensurabel oder unübersetzbar sind, gibt es keine Möglichkeit, sie miteinander zu vergleichen, und da die Beobachtungsfakten selbst schon theoriebeladen sind, lassen sie sich auch nicht mit der Erfahrung konfrontieren. Daraus folgt, daß die folgenden drei Hauptthesen der klassischen Theorienauffassung preisgegeben werden müssen: daß es möglich sei, eine scharfe Unterscheidung zwischen Theorie und Beobachtung zu treffen; daß Theorien völlig objektiv bewertet werden können; und daß die wissenschaftliche Erkenntnis kumulativ sei (wodurch die jüngere Generation, wie Newton es einmal formuliert hat, weiter sehe als die ältere, da sie auf den Schultern ihrer Vorläufer stehe).
Aufmerksamkeit erregte die historistische Auffassung zunächst in den sechziger Jahren, als sie die überlieferten und eingebürgerten Überzeugungen in einer für diese Generation charakteristischen Weise herausforderte. Doch wenn man diese Auffassung im nachhinein betrachtet, scheint sie an unüberwindlichen Schwierigkeiten zu kranken, die alle in der einen oder anderen Weise mit dem ziemlich drastischen Relativismus zusammenhängen, zu dem sie führt. Die historistische Auffassung hält nämlich dafür, daß sowohl die an die Natur gerichteten Fragen als auch die angemessenen Antworten auf diese Fragen und sogar die Beobachtungsfakten selbst durch bestimmte paradigmatische theoretische Kontexte bestimmt sind und daß diese Kontexte ihrerseits nicht verglichen oder bewertet werden können. Diese Ansicht ist jedoch überaus unplausibel.
Erstens, die historistische Auffassung steht schon in Widerspruch zu den geschichtlichen Tatsachen, von denen sie ausgeht, nämlich daß es in der Wissenschaftsgeschichte wichtige Veränderungen gegeben hat und daß man sich den Standpunkt einer Theorie (oder eines Paradigmas) zu eigen machen muß, ehe man ihn begreifen kann. Dem Vertreter des Historismus muß es völlig geheimnisvoll vorkommen, daß es überhaupt zu einer derartigen Veränderung kommen kann. Er hat nicht die Möglichkeit zu behaupten, die eine Theorie trete deshalb an die Stelle der Früheren, weil sie jetzt besser bestätigt sei oder weil sie, als Erweiterung der früheren Theorie, nun mehr Phänomene umfaßt oder weil sie bislang getrennte Bereiche vereinigt. Doch von sich aus liefert diese Auffassung keine andere überzeugende Erklärung. So sollte es z.B. klar sein, daß das Auftauchen von Anomalien nach Kuhns Darstellung nicht ausreicht, um zwingend zu einem Paradigmenwechsel zu führen. Mit solchen Anomalien kann man stets zurechtkommen, indem man ad-hoc-Hypothesen hinzufügt oder indem man so verfährt wie die Vertreter der kopernikanischen Theorie, die den gegen ihre Hypothese gerichteten Einwand, daß Gegenstände nicht von der in Bewegung befindlichen Erde fortfliegen, schlicht zurückweisen und Einwände dementsprechend als keiner Erklärung bedürftig einfach abtun. In der Tat greift Kuhn auf Bilder und Analogien zurück und beruft sich auf "Gestaltwechsel" und dergleichen, womit er einräumt, daß es beim Paradigmenwechsel nicht so sehr um Natur oder Logik geht, sondern um Überredung.
Es ist nicht nur so, daß der wissenschaftliche Wandel nach historistischer Auffassung ein Geheimnis bleibt, sondern es gelingt dieser Auffassung, wie die Kritik ausführt, außerdem nicht, ein einleuchtendes Motiv für das Anstellen von Experimenten zu nennen. Falls sich die Resultate jeder wissenschaftlichen Untersuchung mit jeder gegebenen Theorie in Einklang bringen lassen, dann dürften Experimente bestenfalls eine begrenzte Rolle spielen, die sicherlich nicht im entferntesten an die Hauptrolle heranreicht, die ihnen von der klassischen Auffassung zugeschrieben wird. Kuhn spielt die Bedeutung der Experimente tatsächlich herunter. Doch dieses Vorgehen steht im Gegensatz zu den historischen Fakten, wonach unglaublich viel Geduld und Scharfsinn im Hinblick auf Experimente aufgewandt wurden, durch die einzelne Theorien getestet werden sollten, und auch im Gegensatz zu der Tatsache, daß die Ergebnisse solcher Experimente häufig als ausschlaggebend angesehen wurden für die Entscheidung zwischen konkurrierenden Theorien. Ja, wenn man den Ermahnungen der Historisten folgt und die tatsächlichen Absichten der Wissenschaftler in Betracht zieht, kann man gar nicht umhin, die Test-Rolle der Experimente zu betonen, denn in diesem Sinne sind sie von den meisten Wissenschaftlern aufgefaßt worden.
Schließlich gibt es ganz allgemeine Probleme im Hinblick auf den theoretischen oder kulturellen Relativismus, der nur allzu selbstverständlich aus dem sogenannten "anthropologischen" Ansatz hervorgeht. Dieser Relativismus ist in mehreren Hinsichten inkohärent. So setzt Kuhns Skizze verschiedener Paradigmen - etwa des prärevolutionären aristotelischen und des postrevolutionären galileischen Paradigmas - als Bedingung unseres Verstehens der Unterschiede zwischen ihnen voraus, daß wir sie beide begreifen. Im Gegensatz zu dem, was Kuhn und die übrigen Vertreter des Historismus meinen, können und müssen wir eine gemeinsame Sprache verwenden, um über wechselnde Paradigmen zu reden. Insoweit uns das gelingt, ist der Boden unter der These, wonach sich die Paradigmen nicht ineinander übersetzen lassen, untergraben. Außerdem ist etwas Paradoxes an der historistischen Metapher der verschiedenen Perspektiven oder Standpunkte. Diese Metapher ist nur sinnvoll, sofern es eine Möglichkeit gibt, diese Standpunkte miteinander zu vergleichen, etwa als verschiedene Orte in derselben Landschaft. Aber die Möglichkeit eines solchen Vergleichs ist nach historistischer Auffassung ausdrücklich ausgeschlossen. Schließlich sind sinnvolle Unterschiede zwischen Theorien nur dann möglich, wenn es einen gemeinsamen Boden gibt, auf dem man sie vergleichen kann. Faßt man paradigmatische Theorien als Sprachen auf, läuft dieser Gedanke auf die These hinaus, daß wir einander verstehen müssen. Kurz, die historistische Auffassung macht sich selbst zunichte, indem sie durch ihren Relativismus ebendie Voraussetzung bestreitet, durch die die These dieses Relativismus zunächst kohärent wirkt.
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