Wissenschaftlichkeit in der Medizin (I)

Physiologie und Psychosomatik:
Versuche einer Annäherung

Interdisziplinäres Kolloquium im Sommersemester 1997

Jetzt auch als Buch erhältlich:

Reinhold Haux, Axel W. Bauer, Wolfgang Eich, Wolfgang Herzog, Johann Caspar Rüegg, Jürgen Windeler (Hrsg.): Wissenschaftlichkeit in der Medizin. Teil II: Physiologie und Psychosomatik. Versuche einer Annäherung. (= Brücken ... Schriften zur Interdisziplinarität, 4. Hrsg.: Günther Bergmann.) VAS - Verlag für Akademische Schriften, Frankfurt am Main 1998. ISBN 3-88864-249-3, 152 Seiten, 35 DM.

Veranstalter:
Prof. Dr.med. Axel W. Bauer (Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin)
Priv.-Doz. Dr.med. Wolfgang Eich (Innere Medizin und Psychosomatik)
Prof. Dr.rer.biol.hum. Reinhold Haux (Medizinische Informatik)
Prof. Dr.med. Wolfgang Herzog (Innere Medizin und Psychosomatik)
Prof. Dr.med. Johann Caspar Rüegg, Ph.D. (Physiologie)
Hochschuldozent Dr.med. Jürgen Windeler (Medizinische Biometrie)

Zeit: Donnerstag 18. 15 - 19. 45 Uhr
Ort: Ludolf-Krehl-Klinik, Bergheimer Straße 58, 69115 Heidelberg, Raum 35 a (EG)

17. April 1997:
Naturwissenschaftliche und hermeneutische Methode in der wissenschaftlichen Medizin: Unvereinbarer Gegensatz oder fruchtbarer Dialog?
Prof. Dr. Axel W. Bauer

15. Mai 1997:
Cerebrale Malaria und Spleen
Prof. Dr. Heiner Schirmer, Priv.-Doz. Dr. Katja Becker

22. Mai 1997:
Alles Einbildung? Bemerkungen zum Placeboeffekt
Hochschuldozent Dr. Jürgen Windeler

12. Juni 1997:
Das Beispiel Rückenschmerz - Psychosomatik und Neurophysiologie
Priv.-Doz. Dr. Wolfgang Eich

26. Juni 1997:
Neuronale Plastizität und Psychosomatik
Prof. Dr. J. Caspar Rüegg, Prof. Dr. Gerd Rudolf

Physiologie und Psychosomatik: 
Versuche einer Annäherung 
Kolloquium an der Medizinischen Fakultät im SS 1997 

von Axel W. Bauer
in: Rhein-Neckar-Zeitung vom 15. April 1997, Seite 17

Welche Theorien leiten die Forschung in der modernen Medizin, und sind die unterschiedlichen Modelle, die von einzelnen Spezialdisziplinen verwendet werden, miteinander verträglich? Ist die Medizin überhaupt eine Wissenschaft, benutzt sie lediglich wissenschaftliche Erkenntnisse anderer Fächer, oder ist sie gar eine nur von wenigen Auserwählten beherrschte "Kunst"? Mit diesen Fragen soll sich in den kommenden Semestern ein interdisziplinäres Kolloquium an der Ludolf-Krehl-Klinik beschäftigen, das von sechs Wissenschaftlern der Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg organisiert und moderiert werden wird. Für das Sommersemester 1997 haben sich Prof. Reinhold Haux (Medizinische Informatik), Prof. Axel W. Bauer (Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin), Priv.-Doz. Wolfgang Eich und Priv.-Doz. Wolfgang Herzog (Allgemeine Klinische und Psychosomatische Medizin), Prof. Johann Caspar Rüegg (Physiologie) und Priv.-Doz. Jürgen Windeler (Medizinische Biometrie) zunächst das Thema "Physiologie und Psychosomatik: Versuche einer Annäherung" vorgenommen. Dabei geht es um die bekannte Schwierigkeit, einerseits naturwissenschaftliche, andererseits geistes- bzw. sozialwissenschaftliche Methoden in der medizinischen Forschung, "objektive" und "subjektive" Ansätze, "körperliche" und "seelische" Aspekte von Krankheit bzw. Kranksein miteinander in Einklang zu bringen.

Die fünfteilige Vortragsreihe beginnt am 17. April mit einem medizinhistorisch-wissenschaftstheoretischen Beitrag von Prof. Axel W. Bauer über "Naturwissenschaftliche und hermeneutische Methode in der Medizin: Unvereinbarer Gegensatz oder fruchtbarer Dialog?" Zur Debatte steht hier die Grundsatzfrage, ob und gegebenenfalls mit welcher jeweiligen Kompetenz bzw. Reichweite der aktuelle Wissenschaftsbegriff der Medizin mehrdimensional sein darf, ohne zu beziehungslos nebeneinander oder gar gegeneinander stehenden Ergebnissen zu führen. Haben Physiologie und Psychosomatik also prinzipiell eine Chance zur Verständigung, oder stehen sie sich nur behindernd im Weg?

Am 15. Mai sprechen die beiden Biochemiker Prof. Heiner Schirmer und Priv.-Doz. Katja Becker über "Cerebrale Malaria und Spleen". Die tropische Malaria hat historisch gesehen wahrscheinlich stärker als jede andere Krankheit das menschliche Genom und das menschliche Verhalten geprägt. Mit "Spleen" umschrieb man im 18. Jahrhundert ein psychosomatisches Krankheitsbild von Heimkehrern aus Kolonien, die als Zeichen chronischer Malariainfektion eine große Milz (spleen) und depressive Verstimmungszustände aufwiesen. Wer erkrankt beim Ausbruch einer Epidemie, wer bleibt verschont, wer stirbt, wer überlebt? Hat der Kranke tatsächlich nur geringen Einfluß auf den Krankheitsverlauf? Was lehrt uns diese Erkrankung heute über den Zusammenhang von Körper und Seele?

"Alles Einbildung?" fragt Priv.-Doz. Jürgen Windeler aus der Abteilung für Medizinische Biometrie am 22. Mai in seinem Vortrag über den inzwischen auch außerhalb der Medizin allgemein bekannten "Plazeboeffekt". Dabei geht es um die merkwürdige und im Detail noch immer unerklärte Tatsache, daß auch solche (Schein-) Medikamente, die keinen pharmakologisch wirksamen Stoff enthalten, dennoch im Körper des Patienten meßbare physiologische Veränderungen und vor allem subjektiv wahrnehmbare Besserungen von Krankheitssymptomen zur Folge haben können. Offenbar beruht der Plazeboeffekt auf einem recht komplexen Phänomen, das sowohl einer rein pharmakologischen als auch einer rein psychologischen Erklärung trotzt.

Ähnliches gilt für eines der bei uns häufigsten Krankheitsbilder, den "Rückenschmerz", dem sich der Internist und Psychosomatiker Priv.-Doz. Wolfgang Eich in seinem Vortrag am 12. Juni aus psychosomatischer und aus neurophysiologischer Perspektive annähern wird. Schon die bekannte alltagssprachliche Redewendung vom "fehlenden Rückgrat" deutet ja an, daß es mit dem Rücken und seinen Leiden eben nicht nur eine orthopädische Bewandtnis hat. Wer einen "breiten Rücken" hat, der läuft seltener Gefahr, "mit dem Rücken zur Wand" stehen zu müssen. Welche aktuellen klinischen Erkenntnisse über Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten des vieldeutigen Symptomenkomplexes "Rückenschmerz" gibt es derzeit?

Die Vortragsreihe schließt am 26. Juni mit dem Thema "Neuronale Plastizität und Psychosomatik", dem sich der Direktor des II. Physiologischen Instituts, Prof. Johann Caspar Rüegg, und der Direktor der Psychosomatischen Klinik, Prof. Gerd Rudolf, in ihrem wissenschaftlichen Dialog zuwenden wollen. In den letzten Jahren wurde immer deutlicher, wie das Gehirn mit seinen neuronalen Netzwerken die Gesundheit des übrigen Körpers beeinflußt, so die Immunabwehr, aber auch die Funktionen von Herz, Kreislauf, Atmung und Verdauung. Ursächlich für psychosomatische Erkrankungen sind offenbar häufig seelische Verletzungen, die sich ins Gedächtnis eingraben und dabei die synaptischen Verbindungen neuronaler Netzwerke durch Umstrukturierung (neuronale Plastizität) längerfristig verändern. Damit liegt ein Modell für die Speicherung von Erfahrungsinhalten und für die Bereitschaft vor, entsprechend diesen Erfahrungen zu reagieren. Zugleich wird vorstellbar, wie - durch das psychotherapeutische Gespräch über konflikthafte Erfahrungen des Patienten - Worte und Gedanken die Strukturen neuronaler Netzwerke verändern können. Obgleich sich Physiologie und Psychosomatik hier begegnen, lassen sich die Ansätze und Befunde beider Disziplinen nicht einfach aus der einen Begriffssprache in die andere übersetzen.

Alle fünf Vorträge finden jeweils donnerstags von 18.15 bis 19.45 Uhr (Raum 35a im Erdgeschoß der Ludolf-Krehl-Klinik, Bergheimer Straße 58) statt. Im Anschluß an jedes Referat gibt es eine ausführliche Diskussion mit den Zuhörern. Gäste sind jederzeit herzlich willkommen.

Die Fotos von unseren Arbeits-Spaziergängen und die Themen unserer Kolloquien

Axel W. Bauer's Virtual Office for History, Theory, and Ethics in Medicine