Deduktion, Induktion, Abduktion 
und die hypothetisch-deduktive Methode 
in den empirischen Wissenschaften

Axel W. Bauer 2005

1. Deduktion, Induktion, Abduktion

Das ist Felix der Kater.

 

(A) Alle Kater sind schwarz.
(B) Felix ist ein Kater.

(C) Felix ist schwarz. (!)

Das war eine Deduktion (Schluss von der Praemissa maior und der Praemissa minor auf die Conclusio). Aus (A) und (B) folgt (C) zwingend. Diese Form des Schließens finden wir häufig in der Mathematik und in der klassischen Logik. Der Deduktionsschluss ist apodiktisch, das heißt notwendig wahr. Er ist Wahrheit bewahrend und insoweit konservativ.


(C) Felix ist schwarz.
(B) Felix ist ein Kater.

(A) Alle Kater sind schwarz. (?)

Das war eine Induktion (Schluss von der Conclusio und der Praemissa minor auf die Praemissa maior). Nach (C) und (B) ist (A) zwar durchaus wahrscheinlich, aber keineswegs zwingend wahr. Sicher gegeben ist nur ein einziger Belegfall (zumindest der eine uns persönlich bekannte Kater Felix ist schwarz), von dem ausgehend auf alle anderen entsprechenden Fälle durch Verallgemeinerung geschlossen wird. Im Routinebetrieb der empirischen Wissenschaften werden generalisierende, d.h. wenig kreative Hypothesen auf induktivem Weg gewonnen. Der Induktionsschluss ist dialektisch, das heißt nicht zwingend wahr. Er bedarf der Überprüfung mittels des Bootstrap-Modells durch Herstellung seiner (positiven) Einzelfälle. Der Induktionsschluss ist potenziell Wahrheit erweiternd.


(A) Alle Kater sind schwarz.
(C) Felix ist schwarz.

(B) Felix ist ein Kater. (??)

Das war eine Abduktion (Schluss von der Praemissa maior und der Conclusio auf die Praemissa minor). Gemäß (A) und (C) ist (B) zwar möglich, aber keineswegs wahrscheinlich, denn beispielsweise auch Kohlen oder Schornsteinfeger sind schwarz. Der hier formulierte Schluss ist also ziemlich unsicher, er kann allenfalls "zufällig" wahr sein. Es gibt nämlich für seine Richtigkeit zunächst keinen einzigen gesicherten Belegfall. Das ist nicht nur ein quantitativer, sondern ein qualitativer Unterschied zur Induktion. Der abduktive Schluss spekuliert, er verwertet Indizien. Dies entspricht im Alltag zum Beispiel der Arbeitsweise eines Kriminalbeamten, der einen Tatverdächtigen überführen will, oder der Tätigkeit eines Arztes, der aufgrund von bestimmten Symptomen eine (vorläufige und stets unsichere) Krankheitsdiagnose stellt. In den empirischen Wissenschaften werden die besonders kreativen, innovativen und originellen Hypothesen durch Abduktion gewonnen. Nur mit ihrer Hilfe gelangt man zu substanziell neuen Erkenntnissen. Der Abduktionsschluss ist rhetorisch, das heißt vielleicht wahr, und er ist potenziell Wahrheit entdeckend. Er bedarf zu seiner Absicherung unbedingt der Überprüfung mittels der hypothetisch-deduktiven Methode. Der Terminus Abduktion stammt von dem amerikanischen Philosophen Charles S. Peirce (1839-1914).


2. Die naturwissenschaftliche Methode: 
Hypothese und Experiment

"Die naturwissenschaftliche Methode ... befähigt uns zunächst zur naturwissenschaftlichen Fragestellung. Jedermann, der eine solche Frage stellen kann, ist Naturforscher. Die naturwissenschaftliche Frage ist die logische Hypothese, welche von einem bekannten Gesetz durch Analogie und Induction weiterschreitet; die Antwort darauf giebt das Experiment, welches in der Frage selbst vorgeschrieben liegt. Jene Hypothese ist also das Facit einer Rechnung mit Thatsachen, und sie setzt daher eine umfassende Kenntniss der Thatsachen voraus; das Experiment ist das logisch nothwendige und vollkommen bewusste Handeln zu einem bestimmten Zweck. ... Die Naturforschung setzt also Kenntniss der Thatsachen, logisches Denken und Material voraus; diese drei, in methodischer Verknüpfung, erzeugen die Naturwissenschaft".
Rudolf Virchow
(1821-1902), 1849
 

"The validity of scientific ideas (hypotheses) is established by deriving (deduction) their consequences as to what should be the case in the real world, and then proceeding to ascertain whether or not the derived prediction is correct. The scientific method is, accordingly, said to be hypothetico-deductive. Tests of a scientific hypothesis must have a positive probability of resulting in the rejection of the hypothesis if it is false. A scientific hypothesis divides all statements of fact into two subclasses. First, we have the class of all statements with which it is inconsistent; this is the class of the potential falsifiers of the hypothesis. Second, there is the class of all statements that the hypothesis does not contradict. A hypothesis is scientific only if the class of its potential falsifiers is not empty, because the hypothesis makes empirically meaningful assertions only about its potential falsifiers - it asserts that they are false".
Francisco J. Ayala, 1994


3. Acht Schritte des Prüfverfahrens 
in den empirischen Wissenschaften


1. Beobachtung und Reflexion

2a. Abduktion oder
2b. Induktion zum Zweck der

3. Hypothesenbildung

4a. Deduktion von prüfbaren Folgen (Prognosen) aus der abduktiv gewonnenen Hypothese und anschließender Hypothesentest durch Prüfung dieser Prognosen im Experiment oder in einer empirischen Studie (z.B. in einer kontrollierten klinischen Therapiestudie)

oder

4b. Prüfung der induktiv gewonnenen Hypothese durch Herstellung ihrer (positiven) Einzelfälle nach dem Bootstrap-Modell (Clark Glymour / Carl G. Hempel)

5a. Bestätigung der Hypothese
5b. Bei Nichtbewährung der Hypothese Neubeginn des Verfahrens

6. Vorläufige Akzeptanz der Hypothese für die Stichprobe

7. Generalisierung der Hypothese durch Induktion auf die Grundgesamtheit

8. Vorläufige Formulierung der Hypothese als "Naturgesetz"

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